Wieviel Sicherheit gibt Geld?

Geld spielt gerade eine große Rolle. Manchmal mehr und manchmal weniger. Wir haben das Thema Geld und Sicherheit genutzt, um gemeinsam ein Schreibinterview (alle haben an einem Text gearbeitet, den wir nachher in Interviewform gebracht haben) zu führen. Unser Ziel war ein Austausch, warum wir sehr unterschiedlich dem Geld die Funktion der Sicherheitserfüllung zuschreiben.

Gisela: Auf einer Skala von 1 bis 10, wie wichtig ist Euch Geld als Sicherheit? 10 ist sehr wichtig, 1 ist gar nicht wichtig.

Monika: Ganz klar eine 9,5 – für mich ist das die Hauptfunktion des Geldes, mir für mein Leben Sicherheit zu liefern.

Miriam: Nur indirekt eine 7. Indirekt, weil ich eher meinen sicheren Job mit einer 10 versehen würde und aus dem sicheren Job kommt dann das Geld.

Sabine: Also vor Corona hätte ich eine 4 genannt. Die steigt gerade auf eine 7 oder 8, weil ich mit so vielen Menschen umgeben bin, die sich gerade so viel Sorgen um ihr Geld machen – eben weil die Existenz nicht mehr gesichert ist.

Gisela: Das ist ja spannend. Sabine, ich will da gleich mal bei Dir nachfragen. Und zwar vor den Corona-Zeiten. Du hast ja schon auch in nicht so guten finanziellen Situationen Deine Frau gestanden. Da war es doch auch knapp. Warum nur eine 4?

Sabine: Ja, genau weil ich dann doch auch meine Frau gestanden habe. Ja, es war knapp, es war manchmal echt eng. Aber es ist ja gut gegangen. Ich habe in mir irgendwie ein Grundvertrauen, dass es gut gehen wird. Das ich immer genug Geld haben werde, um irgendwie durchzukommen. Das finde ich zwar manchmal auch nervig, aber irgendwie gehört dieser Zustand zu meinem Leben. Ein bisschen hat sich dies in den letzten Jahren durch meinen Partner geändert. Er gibt mir zusätzlich Sicherheit. Emotional, aber ich fürchte auch finanziell. Ich habe das gemerkt, als es kurzfristig im Raum stand, dass er seine Stelle verlieren könnte. Da wurde mir nicht nur für ihn ganz mulmig. Eben weil er aktuell dann doch einen Teil meiner Lebenshaltungskosten – und wenn es nur die schönen Dinge im Leben sind – mitfinanziert.

Monika: Das ist spannend. Sabine, Du hast ja nur sehr wenig Rücklagen – wenn Geld nicht Sicherheit bedeutet, macht es ja auch fast keinen Sinn, Geld zu horten. Wozu auch? Bei mir ist und war das schon immer anders. Um nicht zu sagen, nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Eltern und Großeltern. Es war immer wichtig eine Rücklage zu haben. Geld sichert Dich ab, Geld macht Dich unabhängig. Das war das Credo, was ich gelernt habe. Und auch lebe. Ich habe ja nun schon reichlich Geld und dennoch erlebe ich mich gerade sehr nervös. Ich checke ganz viel mein Aktiendepot und ja, im März habe ich auch einige Nächte schlecht geschlafen. Aktuell denke ich, dass es bei den Aktien hoch und runtergehen wird, aber in der Summe sich schon wieder fängt. Zumal mein Hauptvermögen in Immobilien steckt. Um die mache ich mir auch Sorgen, auch wenn meine Mieter*innen bisher bezahlt haben und dies – angesichts ihrer sicheren beruflichen Situation – auch weiter tun sollten. Aber ich mache mir Sorgen.

Miriam: Sorry, Monika. Aber da komm ich fast nicht mit. Du bist Millionärin, Du sagst selbst, wahrscheinlich wirst Du Dein Geld vor dem Lebensende nicht ausgeben können. Und trotzdem machst Du Dir Sorgen? Da komm ich nicht mit. Mach Dich locker. Aber ich erzähl mal lieber von mir. Ich glaube, ich habe diese Zuschreibung eher so als Traumgedanken. Deshalb reagiere ich vielleicht auch auf Dich, Monika, etwas emotional. Es wäre so schön, wenn ich genug Geld hätte, dass ich diesem Puffer die Funktion der Sicherheit zuschreiben könnte. Hatte ich aber noch nie. Ich habe danach eine Sehnsucht, die ich nie geschafft habe, zu erfüllen. Wenn ich selbständig tätig war, hat es finanziell nie funktioniert. Das Geld ist nie bei mir geblieben. Deshalb bin ich im Laufe des Lebens dazu gekommen, lieber sicher angestellt zu arbeiten. Meine Stelle in einer öffentlichen Verwaltung ist zwar nicht besonders spannend, aber sie ist sicher!! Dort werde ich bis zur Rente bleiben können, auch wenn ich mich langweile, sie übernehmen die monatlichen Zahlungen und ich muss mich nicht um Rücklagen und so was kümmern. Weil ich es irgendwie nicht kann. Also außer meinem ETF Sparplan, aber der läuft automatisch. Mit dieser Stelle fühle ich mich sicher und gerade auch beschenkt, wenn ich so schaue, wie Freundinnen zu kämpfen haben.

Monika: Miriam, ich kann total nachvollziehen, dass Du auf meine Situation oder vielleicht nur auf meine Sorgen mit negativen Emotionen schaust. Das erlebe ich als reiche Frau laufend. Menschen mit wenig Geld können nicht nachvollziehen, dass ich mir mit Vermögen Sorgen mache. Deshalb würde ich mich jenseits dieser Runde (die ich wunderbar finde), nie über Geldthemen mit Menschen reden, die keins haben. Weil meine Sorgen da immer abgewertet werden. Die Verknüpfung zwischen Geld und Sicherheit erlebe ich fast ein bisschen genetisch. Ich habe sie von meinen Vorfahren übernommen und sie ist in mich eingebrannt. Kommt es zu Verunsicherungen, bin ich ziemlich gestresst.

Gisela: Monika, was würdest Du denn machen, wenn Dein ganzes Geld weg wäre?

Monika: Wenn alles weg wäre, dann wäre es zunächst dramatisch. Aber ganz tief in mir drin gibt es eine Stimme, die vertraut: Die ist überzeugt, dass ich mich schon auch über Wasser halten würde. Aber der Sicherheitsanteil ist immer stärker, er wirkt sehr automatisch und macht sich gerade große Sorgen.

Sabine: Können wir ein bisschen tauschen? Du gibst mir von Deinem Sicherheitsbedürfnis und der Energie dahinter ein bisschen ab und ich wiederum gebe Dir ein bisschen was von meiner Leichtigkeit. Ich find die ja auch nicht nur toll, es ist aber ähnlich wie bei Dir – ich habe das von meiner Familie oder sogar von meinen Vorfahren übernommen. Denen ging es eher schlecht im Leben und mindestens meine Eltern haben mir beigebracht, dass Leben nicht zu ernst zu nehmen und es eher zu genießen, als immer aufs Geld zu schauen. Das gab dann auch manchmal blöde Situationen, gerade in meiner Kindheit. Aber meine Eltern haben das immer wieder hinbekommen und so bin auch ich jetzt auch unterwegs. Wenn ich auch zugebe, dass ich mir manche schlaflose Nacht erspart hätte, wenn ich in Notsituationen einen Notgroschen gehabt hätte.

Monika: Auch ja, lass uns ein bisschen Energie austauschen. Wobei es auf der einen Seite attraktiv ausschaut und gleichzeitig bedrohlich wirkt. Denn ich bin schon auch ziemlich stolz, dass ich gerade ohne jegliche Hilfe und ohne festes Gehalt ziemlich gut durch diese Krise komme.

Gisela: Was macht Dir dann gerade Sorge?

Monika: Aktuell eigentlich gerade gar nichts. Es ist die Sorge um die Zukunft. Ob ich meine Zukunftspläne noch leben kann oder ob das Geld dafür dann doch nicht reichen würden.

Miriam: Oh ja, eigentlich sind alles Zukunftssorgen. Ob es um Krankheit oder um Geld oder in meinem Fall die Sicherheit der Stelle geht. Wir sind da aber gerade vielleicht auch privilegiert, weil wir alle aktuell noch gut über die Runden kommen. Das geht da draußen ja nicht allen so.

Sabine: Na, bei mir ist es gerade schon sehr eng. Ich bin dankbar, dass ich die Soforthilfe erhalten habe und hier in Berlin es auch 5.000 € auch für meinen Lebensunterhalt gab. Von dem Geld lebe ich gerade. Ohne hätte ich mich jetzt voll auf meinen Partner verlassen müssen und das hätte sich sehr bitter angefühlt. Ich bin sehr darauf angewiesen, dass ich im Mai wieder anfange, Geld zu verdienen. Von daher ist meine Sorge sehr zeitnah. Aber trotzdem habe ich ein tiefes Vertrauen, dass das schon irgendwie werden wird. Die Soforthilfe habe ich tatsächlich wie ein echtes Wunder erlebt. Das der Staat mir einfach so gut Geld gibt, fand ich fantastisch. Außerdem hat es mich wieder bestätigt in meiner Lebenswahrnehmung, dass es immer weitergeht und ich mir tief in mir drin um Geld keine Sorgen machen muss.

Gisela: Ich finde diese unterschiedlichen Sichtweisen sehr spannend. Es macht wieder deutlich, dass die emotionale Gefühlslage, die wir jeweils erleben, nicht viel mit der Menge an Geld zu tun hat, sondern mit der Bedeutung, die wir Geld geben. Ich hoffe, Ihr könnt euch jedes Mal, wenn Eure Emotionen in Eure jeweilige automatische Richtung gehen, ein bisschen bremsen. Mit der Erinnerung, dass man auch anders damit umgehen kann. Und vielleicht Eure eigenen Gedanken und Emotionen mit den Sichtweisen der Anderen ein bisschen füttern und verändern.

Als Abschlussfrage nochmal an Euch. Wie sieht Eure Zahl auf der Skala an, die Ihr in Zukunft der Verknüpfung von Geld und Sicherheit geben wollt?

Miriam: Ich verändere lieber meine Jobzahl. Da möchte ich auf eine 6 kommen. So wichtig ist der auch wieder nicht.

Monika: Eine 6 wäre toll.

Sabine: Ich nehme die 7. Und ich fand dieses Gespräch echt toll. Danke, dass das schriftlich so gut ging.

Wir freuen uns sehr über Kommentare, wie Ihr die Verknüpfung zwischen Geld und Sicherheit aktuell erlebt.

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