IMG_2940Am letzten Wochenende war ich auf dem 50sten Geburtstag eines Freundes und ehemaligen Arbeitskollegen. Viele andere Gäste habe ich seit 8 bis 20 Jahren nicht mehr gesehen. Das war toll und doch irgendwie komisch. Immerhin habe ich vor 8 Jahren bei einer renommierten Firma gekündigt und mache jetzt Beratungen freiberuflich und bin dazu noch als Yogalehrerin aktiv. Was die Kollegen alle nicht wussten: Ich arbeite höchsten an drei Tagen der Woche, lebe überwiegend von meinem Miet- und Kapitaleinnahmen und wenn ich Lust habe, dann mache ich Projekte und leite meist abends einige Yogakurse an. Wenn ich nur von meiner Arbeit leben müsste, müsste ich auf die Frage „Wie läuft es bei Dir?“ mindestens in finanzieller Sicht sehr zurückhaltend antworten. Da dies aber nicht der Fall ist, habe ich jeden angestrahlt und die Frage mit einem schlichten „Sehr gut“ beantwortet.

Die Reaktionen haben dann gezeigt, was für Bilder ich im Kopf des Anderen angeschaltet habe. Man vermutete, dass ich mit vielen großen Firmen zusammenarbeite und über viele Aufträge verfüge, sowie wahnsinnig viele Yogakurse gebe. Ich also schwer beschäftigt bin. Ich habe dazu wenig gesagt, aber mich irgendwann falsch gefühlt.

Nach vielen Gesprächen und einem wunderbaren Abendessen haben mein Mann und ich einen kurzen Spaziergang durch den Park gemacht. Er kannte niemanden auf der Party und da er gar nicht mehr arbeitet und dies aber auch nicht preisgeben will, erzählt er immer, er mache PC Support. Das beruhigt jeden und ist immer ein gutes Gesprächsthema. Allein auf unserem Spaziergang haben wir uns dann über die Fete und die Kontakt ausgetauscht. Wir haben uns beide falsch gefühlt!

Unsere Gesellschaft ist so fixiert auf Erwerbsarbeit, dass es sich fast unanständig anfühlt, auf einer Party zu sagen: Weißt Du, ich bin inzwischen Millionärin und lebe von meinen Kapitaleinkünften. Ich weiß nicht, ob ich allgemeingültig postulieren kann, man gibt es nicht zu, oder ob dies ein individuelles Thema von meinem Mann und mir ist und es dann lautet: Wir geben es nicht zu.

Was ich aber weiß, ist das mit der Bejahung der Frage, dass es gut läuft, sofort Bilder nach viel Arbeit und vielen Einkünfte durch diese Arbeit assoziiert werden. Das passiert so automatisch, dass gerade im Small Talk kein Raum bleibt, um weiter auszuholen und zu vermitteln, dass ich mich für erfolgreich halte, weil ich mein Ziel erreicht habe. Mein Ziel selbstbestimmt zu arbeiten, wenn ich Lust habe und viel freie Zeit zur Verfügung zu haben. Es läuft supergut. Ohne viel Arbeit und mit geringem Einkommen aus dieser Arbeit. Vermitteln konnte ich an diesem Abend mein Bild von Erfolg niemandem.

Sicherlich auch, weil die meisten nach wie vor in ihren Jobs sind, in denen sie auch schon waren, als wir uns kennengelernt haben. Um die 50 gibt es nicht mehr so viel Veränderung im Job, jeder ist froh, seine Stelle zu haben. Und hat an diesem Abend viel Zeit damit verbracht, mir zu erklären, was die Arbeit noch gut macht oder wenigstens erträglich. Angestellte, die dann auch betonen, dass sie sich nie selbständig machen könnten. Sie laufen alle in ihrem Hamsterrad, mal mit mehr und mal mit weniger Begeisterung. Hier nun hinzugehen und zu sagen, ich geh in das Rad nur noch rein, wenn ich Lust habe. Und ansonsten habe ich genug gehamstert so dass es bis zum Lebensende reicht? Es wäre ehrlich. Wahrscheinlich würde sich auch das eine oder andere spannende Gespräch daraus ergeben. Trotzdem rechne ich mit größeren Irritationen, mit denen ich mich auf einer Party nicht auseinandersetzen will. Meine Vermutung ist, dass ich auf Widerstände stossen würde, vielleicht würde mir auch Angebertum unterstellt werden und sicherlich würde ich mich mit Neid auseinandersetzen müssen.

Irgendwie alles keine Gefühle, die man auf einer Party wecken will. Also habe ich mich zwar ein bisschen fehl am Platz gefühlt und munter verkündet, dass es bei mir gut läuft. Was ja nicht mal gelogen war.

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Ex-Studentin

Wie heißt es so schön: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, vom Tellerwäscher zum Millionär. Das Volk will von einem Lebenslauf begeistert werden, dass sich jemand von ganz unten (wie man selbst) nach ganz oben gearbeitet hat. Sieht man mittlerweile an den ganzen Castingshows. An eurer Stelle hätte ich auch ein wenig geschwindelt. Ich hoffe, dass nicht jeder neidisch reagiert hätte. Ein paar hätten sich sicherlich dafür interessiert, wie ihr eure finanzielle Unabhängigkeit erreicht habt. Aber der ein oder andere, der mit seinen Finanzen auf Kriegsfuß steht, hätte (ohne es böse meinen zu wollen) vielleicht erst mal zurückhaltend reagiert. Geld zu haben ist kein Verbrechen, aber man nimmt sich ein wenig gemeinsamen Gesprächsstoff; über die schlimme/tolle Arbeit kann man sich immer austauschen, man schafft Verbundenheit; während passive Einnahmen für viele ein rotes Tuch sind.

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