Stellenanzeigen – warum ich sie immer noch lese

DSC_1751Ich wundere mich regelmässig über mich selber. Ich lese immer noch gerne Stellenanzeigen. Erst die Kurzfassungen, die verheißungsvoll im Netz auftauchen. Bei manchen klicke ich dann weiter zu den genauen Beschreibungen. Ich male mir aus, dass ich diesen Job gut machen könnten und das es Spaß machen könnte und dann…

Dann kommt der Knick. Ich fange an mir auszumalen, dass ich das jeden Tag machen muss. Oder wenn es eine Teilzeitstelle ist, doch an diversen Tagen in der Woche. Wenn die Stelle dann auch noch unbefristet ist, dann kann ich mir mittlerweile gar nicht mehr vorstellen, mich auf eine unbegrenzte Zeit auf einen neuen Arbeitgeber einzulassen. Ich gebe zu, bei meinen freiberuflichen Kunden gibt es auch schon welche, die berate ich seit Jahren. Aber sie haben mir das am Anfang nicht gesagt. Wir haben geschaut, ob wir uns gegenseitig was geben können. Wenn es geklappt hat, haben wir immer weiter gemacht. Außerdem habe ich nicht nur einen Kunden. Bei einer festen Stelle würde ich plötzlich alles andere reduzieren müssen, um nur einen Kunden zu haben.

Spätestens wenn ich die Adresse des potentiellen Arbeitgebers raussuche und schaue, wie lange ich da hinfahren muss, wird die Anzeige weggeklickt. Jeden Morgen und Abend durch die halbe Stadt zu fahren, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.

Was aber macht die Sehnsucht aus, die mich zunächst nach Stellenanzeigen schauen lässt? 

Es ist sicherlich nicht die Bezahlung. Ich habe bereits genug Einkünfte, um über die Runden zu kommen.  Es geht mir eher um Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Status. Da reizt noch was. Bei der Gemeinschaft finde ich das selbst sehr nachvollziehbar. Ich sitze hier gerade alleine an meinem Rechner. Kurz habe ich eben mit meinem Bruder telefoniert, der schon auf Arbeit war. Sein Telefonat wurde laufend durch fröhliche „Guten Morgens“ unterbrochen. Bei mir ist gerade niemand da, der mir einen guten Morgen wünscht. Mein Mann ist unterwegs, ich bin ganz allein zuhause. Das ist auch schön, aber so eine Gemeinschaft von Kollegen, das hat was. Da habe ich manchmal Sehnsucht nach. Natürlich könnte ich als Freiberuflerin auch in einem Co-Working Space arbeiten. Aber das ist nicht dasselbe. Ich glaube, die Gemeinschaft bei einem Arbeitgeber ist auch so etwas wie eine gemeinsame Identitäts- und Leidensgemeinschaft. Hoffentlich auch eine Gemeinschaft, mit der man manchmal Erfolge feiern kann. Wobei ich dann auch weiß, wie selten diese Pflichtgemeinschaften wirklich tragen. Sie tragen, solange man zu dieser Gemeinschaft gehört. Sie tragen aber meist auch nur wenig weiter. Als ich aus meinen diversen Stellen raus war, in denen ich mit meinem ganzen Herzblut dabei war, habe ich am Anfang noch ein bisschen den Kontakt gehalten. Das ist dann aber bei allen Stellen ganz schnell eingeschlafen.

Ja und dann ist da noch dieser Status. Auch da gibt es noch eine kleine Sehnsucht. Endlich wieder eine Visitenkarte, auf der ein namhafter Arbeitgeber steht und ein toller Titel. Ein Teil von mir hätte das gerne. Diese Sehnsucht lässt mich manchmal schmunzeln. Ich war selber reichlich in Unternehmen unterwegs und ich weiß, wieviel wir Wert auf Status legen und wie wenig oft dahinter steckt. Da werden spannende Titel entwickelt und wenn man sich dann das reale Leben der Person anschaut, dann schillert da nichts mehr, sondern es ist einfach nur anstrengend und ein Leben im Hamsterrad. Dennoch, wenn ich spannende Stellenanzeigen sehe, dann ploppt diese Stimme wieder auf.

Angestellt arbeiten werde ich wohl trotzdem nicht mehr

Gut, ich stelle fest, da ist eine Sehnsucht. Ich schätze sie wird genauso unerfüllt bleiben, wie meine Sehnsucht mit George Clooney gemeinsam Kaffee zu trinken.

Neulich hat mich ein Kunde angesprochen, ob ich bei ihnen eine leitende Tätigkeit übernehmen würde wollen. Das geht runter! Da ist das Ego doch mal wieder ausgiebig gestreichelt. Ich habe trotzdem abgewunken, ich würde Vollzeit nicht mehr arbeiten. Es ginge auch Teilzeit. Es war klar, die würden mir wirklich sehr entgegenkommen, wenn ich einsteigen würde. Und ich war kurz in der Gefahr, verführt zu werden. Ich habe dann aber doch die Kurve gekriegt. Ich will mich auch nicht für eine bestimmte Zeit (die dann doch relativ viel ist, verglichen mit meinen anderen wenigen Kunden) auf einen Kunden festlegen lassen. Als Beraterin sehe ich immer wieder, wie schnell so eine Stelle auch vorbei ist.

Ein Grundeinkommen für alle – was würde das verändern?

Da denke ich dann auch, wie sehr ein Grundeinkommen unsere Arbeitsstrukturen verändern würde. Ich teile die Meinung vieler Experten, dass Menschen trotzdem arbeiten würden. Da tue ich auch immer noch. Nicht mehr so viel, aber meine Neugierde ist ungebrochen. Ob es mein Buch ist, der Blog hier, mein Yogaunterricht oder meine Nachhaltigkeitsberatung, ich bin beschäftigt. Meine Kapitaleinkünfte geben mir aber eine gewisse Sicherheit. Die Sicherheit, die uns sonst so gerne an einen Arbeitgeber bindet. Und für die dieser Arbeitgeber von uns ungeteilte Aufmerksamkeit erwartet. Wenn die Sicherheit für alle so da ist, werden sich Stellenzuschnitte verändern. Einfach weil die meisten Menschen sich dann nicht nur auf eine Tätigkeit konzentrieren werden, die ihnen die Sicherheit verspricht. Auf der anderen Seite würde sich eben auch viel verändern in den Formen von gemeinschaftlicher Arbeit. Wo würde diese verrichtet werden? Würden wir alle zu Hause arbeiten? Oder für bestimmte Tage uns bei unseren alten Arbeitgebern für Projekte zusammenfinden? Wie würde Kooperation aussehen? Würden diese überhaupt funktionieren, wenn wir beim ersten Konflikt eben auch gehen könnten? Was Angestellte im Arbeitsleben ja meist nicht tun. Das hat auch Vorteile. Man läuft nicht weg, sondern sucht – manchmal schmerzhaft – nach einer Lösung. Und manchmal bleibt man sogar im Konflikt ohne Lösung…

Wie ist es bei Dir? Bist Du angestellt? Warum arbeitest Du dort, wo Du arbeitest? Würdest Du es auch noch machen, wenn Du jeden Monat 1.000 € als Grundeinkommen hättest? Oder wie würdest Du Dein Arbeitsleben verändern wollen? 

4 Kommentare

  1. Seit fast 7 Jahren arbeite ich in einer Werkstatt mit geistig behinderten Menschen, davor 14 Jahre in einem Großhandelsbetrieb für Deko- u. Bastelartikel. Dort habe ich 2007 mit daran gearbeitet, einen Menschen mit Behinderung über das „Budget für Arbeit“ in den freien Arbeitsmarkt zu integrieren. Um es mal sehr überspitzt zu sagen: damals stellte ich fest, wo sich das größere Irrenhaus befindet u. ich auf der falschen Seite stand.
    Demnächst werde ich 56 u. bemerke den teilweise recht stressigen Arbeitsalltag mit zunehmendem Alter, aber die Entscheidung zum Wechsel war richtig. Auch mit dem sog. Grundeinkommen würde ich dort weiter arbeiten, in ein paar Jahren vielleicht mit reduzierter Arbeitszeit, welche mir mehr Zeit für mein zu erwartendes Enkelkind lässt.

  2. Hallo Monika,

    „Das ist auch schön, aber so eine Gemeinschaft von Kollegen, das hat was…“

    Da mus ich Dir höflich, aber in aller Entschiedenheit widersprechen. Den größten Teil meiner wachen Zeit mit Menschen zu verbringen, die andere für mich ausgesucht haben? Sorry, das hat aber so was von gar nichts!

    Mein Leben, mein Spiel, meine Regeln.

    Was uns zu Deiner Frage führt: „Ein Grundeinkommen für alle – was würde das verändern?“

    Genau wie oben angesprochen: Wir könnten sagen: Mein Leben, mein Spiel, meine Regeln. Eine Horrorvorstellung für die Hierarchie (mit mehr oder minder sanftem Zwang geht Führung einfach einfacher) und für viele der Geführten auch. Die ganze protestantische Arbeitsethik würde über den Haufen geschmissen. Wir verdienen unser Geld nur, wenn wir es im biblischen Schweiße unseres Angesichts verdienen, der Ami macht einfach Geld (make money).

    Grundeinkommen klingt gut, aber ich denke, es würde einen sehr massiven Umbau der Gesellschaft erfordern. Wie viele Angestelle wollen denn wirklich „befreit“ werden.
    Sind wir nicht alle ein bißchen Stromberg? Ist es nicht viel schöner über die strunzdoofen Kollegen und den sadistischen Chef zu schimpfen? Das, plus ein bisschen Gejammer über den Gesundheitzustand und der Abend der Ü50 ist gerettet.

    Gruß
    Finanzwesir

    • Hi,
      da hatte ich ja wirklich Glück mit meinen angestellten Stellen. Meine wesentlichen Erfahrungen habe ich als Abteilungsleiterin gemacht, bei der ich die Abteilung aufbauen durfte. Also habe ich mein ganzes Team mit eingestellt. Das war wahrscheinlich ziemlich privilegiert. Ein wichtiger Aspekt von Dir, der Hinweis auf die „Zwangsgemeinschaft“, der mich wahrscheinlich noch mehr von Stellenanzeigen wegbringt.
      Das ein Grundeinkommen unsere Gesellschaft sehr umstrukturieren würde, das teile ich. Sicherlich auch viele Menschen sehr verunsichern. Viele Grüße Monika

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