Sind Kriegsenkel besonders sparsam?

Der 2. Weltkrieg hat auf uns heute noch Auswirkungen. Wenn Menschen im Coaching von einem Streben nach Anerkennung, einem hohen Bedürfnis nach Sicherheit oder auch einem Gefühl von Nie-Genug-Sein und Getrieben zu sein, berichten, frage ich oft nach den Geburtsjahrgängen der Eltern. Viele, fast alle, sind zwischen 1935 und 1945 geboren. Sie haben in ihrer frühen Kindheit viel Unsicherheit, Mangel und wenig Geborgenheit erlebt. Unbewusst haben sie dies weitergegeben. In diesem Beitrag möchte ich dabei einen besonderen Aspekt dieser Kriegskindergeneration beleuchten:

Sie waren und sind sehr sparsam

IMG_6435Kriegskinder haben im Krieg und in der Nachkriegszeit bittere Armut erlebt. Diese prägt für´s ganze Leben. Ganz wenige haben sich in der Zeit des Wirtschaftswunders von diesen Erfahrungen frei gemacht und die Prämisse „Nie wieder“ in Konsum, Freude und Leichtigkeit gewandelt. Die meisten, die ich so beobachten durfte, übersetzen die Prämissen: Nie wieder Krieg und besonders (für die damaligen Kinder) nie wieder Hunger mit einem Streben nach Sicherheit. Eine Klientin erzählte mir neulich von ihrer verstorbenen Tante. Bei ihr hat man im Keller zwei volle Tiefkühltruhen und Unmengen an Einmachgläser gefunden. Auch noch aus den 80er Jahren. Sie hat das Bedürfnis nach Sicherheit nicht so sehr mit Geldmitteln, aber mit Lebensmittelvorräten bedient. Es gibt aber eben auch viele, die extrem sparsam leben. Und damit das eigene Vermögen immer mehr erhöhen. Nun sind diese Menschen heute um die 80 Jahre alt. Das aktive Leben liegt hinter ihnen, die Lebensspanne ist endlich. Trotzdem wird vorgesorgt, man hat manchmal den Eindruck, damit es noch bis 120 reichen wird. Und am liebsten die Kinder und Enkelchen auch alle versorgt sind. Von solchen Situationen kenne ich einige und die meisten von uns lächeln über dieses Verhalten. Manche ärgern sich auch ein bisschen. Könnten sich die alten Herrschaften doch endlich mal was gönnen. Aber nein, es wird weiter beim Discounter eingekauft. Die Kleider gibt es im Second Hand Laden oder günstig im Sonderangebot. Ein neues Auto kommt gar nicht in Frage. Immerhin weiß man beim alten ja, wo alles ist.

Was passiert da mit den heute berenteten Kriegskindern?

Ich  glaube, heute kommen zwei Dinge zusammen, die das Ganze so absurd erscheinen lassen. Weil die Kriegskinder in ihrem Leben immer eher sparsam waren, haben sie jetzt im Alter durchaus Geld auf der Kante. Das Eigenheim ist abbezahlt, wer das Gesparte gut investiert hat, der hat auch mit Aktien oder anderen Geldanlagen einen guten Schnitt gemacht. Es ist also eigentlich Geld da. Aber es wird weiterhin nur selten ausgegeben. Was wundert. Nun kommen im Alter Prägungen und Erfahrungen aus der Kindheit bei vielen Menschen deutlicher hoch. Sie lassen sich nicht mehr so wegdrücken. Das trifft auch für die Gefühle nach Sicherheit und genug zu Essen zu. Somit tritt im Alter dieses Gefühl nochmal deutlicher zu Tage. Schon wirkt es auf Aussenstehende absurd.

Was hat das jetzt mit den Kriegsenkeln zu tun?

Unter Kriegsenkel sind die Kinder gemeint, die selbst Eltern hatten, die in den Jahren 1935 bis 1945 geboren wurden. Als bestes Beispiel zählt dazu unsere Monika. Ihre Eltern sind 1936 und 1938 geboren. Sie berichtet ja immer wieder von ihren Erfahrungen im Elternhaus. Sparsamkeit spielte da eine große Rolle. Das hat sie in ihrer Kindheit gelernt. Und sicherlich auch über die Generationserfahrung das Bedürfnis nach Sicherheit mitbekommen. Wenn der Wert Sicherheit bedient werden soll und Sparsamkeit eine liebenswerte Eigenschaft ist, dann entsteht – zumindest wenn auch Geld reinkommt – Reichtum. Monika berichtet, dass sich ihre Mutter extrem wenig gönnt. Sie ist eine sparsame patente Frau. Lieber repariert sie was oder stellt was selber her, als das sie in den Laden geht. Das macht ihr Freude. Natürlich hat Monika als Kind, vielleicht aber auch als erwachsene Frau, Werte und Verhaltensformen von ihrer Mutter übernommen. Und wurde selbst zur sparsamen Frau.

Dieses Muster lässt sich übrigens nicht nur bei Monika, sondern bei zahlreichen anderen Menschen beobachten. Allerdings oft bei Frauen mit dem erlernten Muster „Ich bin für Geld nicht zuständig“ kombiniert. Es sind dann schon sehr sparsame Frauen, die aber mit Vermögensbildung nichts am Hut haben. Dazu müsste man sich für Geld zuständig fühlen.

Manchmal erzählen mir Frauen auch von Müttern, die sich was gegönnt haben. Wenn ich dann nachfrage, um welche Jahrgänge es sich handelt, werden eher die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts genannt. Sie waren im Krieg schon älter. Sie haben den Krieg als einen Ausnahmezustand erlebt und konnten diesen ganz anders verarbeiten. Ich glaube, dass können auch wir uns gut heute vorstellen. Mit 4 Jahren jeden Abend in den Luftschutzbunker zu müssen, dürfte sich ganz anders anfühlen, als mit 14. Wie eine alte Dame (Jahrgang 27)  es neulich mal formulierte: Für uns war das auch viel Abenteuer. Das kann eine 15jährige so sehen, eine 5jährige sicherlich nicht.

Ich bin gespannt, ob ich bei meinen Beobachtungen auf Zufälle gestossen bin oder ob sich hier viele Gemeinsamkeiten feststellen lassen. Entsprechend freue ich mich über Kommentare. Sind Deine Eltern Kriegskinder und wenn ja, wie hat sich das in punkto Geld und Sicherheit ausgewirkt? Und wenn sie es nicht sind, was hast Du dann aus den Kleinkind-Epochen Deiner Eltern möglicherweise mitbekommen? Ich bin sehr gespannt!

Wer sich übrigens mehr zum Thema interessiert, dem kann ich folgende Bücher empfehlen:
Kriegsenkel: Die Erben der vergessenen Generation
Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen
Nachkriegskinder: Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter
Kriegsspuren: Die deutsche Krankheit German Angst

3 Kommentare

  1. Meine Mutter ist zwar kein direktes Kriegskind (1953 geb), aber hat alle Eigenschaften der Kriegsgeneration übernommen. Als meine Oma starb, war auch der ganze Keller und die Kühltruhe bis oben hin voll mit Essen. Bei meiner Mutter wirkt sich das ganze in extremen Zwängen aus, mit denen sie uns auch gestresst hat, zB sollten wir nicht jeden Tag duschen – als Kind kein Problem, aber als schwitzender Teenie durchaus ein riesiger Stressfaktor. Oder Zb mußten wir, weil wir früh aufstehen mußten, um den Zug zur Schule zu bekommen, mit kaltem Wasser duschen – die Heizung früher zu programmieren, hätte ja Unmengen an Strom gekostet. Inzwischen lebt sie alleine und macht noch mehr so dolle Dinge wie Badewasser nicht ablassen und vielfältig verwenden. Andererseits hat sie auch schon immer wieder mal Geld ausgegeben, sich Dinge gegönnt, oder auch plötzlich Riesenausgaben gemacht. Natürlich hat sie auch zurückgelegt und das Erbe gut angelegt. Aber Urlaub ist zB auch immer ein Reizthema gewesen, besonders in der Ehe. Also ein riesiger, undurchdachter Mischmasch, der natürlich auch auf mich abgefärbt hat :p

  2. Meine Mutter ist 1936 geboren, ich 1958, meine Mutter war immer sparsam aber nicht geizig, ich bin ähnlich gestrickt, aber nun sitzt meine Mama mit Altersdemenz im Pflegeheim und ich würde sonstwas geben wenn dem nicht so wäre und sie die letzten Jahre hätte daheim verbringen können, es ging nicht mehr, ich besuche sie 1-2x wöchentlich, so dement sie auch ist (sie kennt mich aber noch), immer fragt sie ob ich ihr nun endlich mal Geld mitgebracht hätte, Geld ist wichtig so wie es aussieht, sie kriegt sonst kaum einen zusammenhängenden Satz raus, aber gestern meinte sie, „wieso bringst Du mir nicht wenigstens ein bisschen Geld mit, das würde Dich doch nicht ärmer machen“, sie sagte dass ohne zu Überlegen in einem ganzen Satz, das bricht mir dann fast das Herz, ich frage immer was ich ihr bringen soll, da weiss sie nix, nur Geld, falls sie mal in die Stadt will oder sich Äpfel im Laden kaufen möchte, das mit dem Geld ist wie eingebrannt. Traurig. Als ich ihre Wohnung aufgelöst habe musste ich Unmengen an Sachen, teils noch eingepackt, wegwerfen, ich konnte damit nix anfangen, sie hat nie was wegwerfen können, weil man vielleicht noch froh drum wäre, ich bin anders, ich lebe eher minimalistisch und hasse Krempel.

  3. Meine Eltern sind 1950 und 1962 geboren. Meine Mutter hamstert gerne. Hat sie von ihrer Mutter. Mein Vater ist da das Gegenteil: Sparen und horten bringe nichts. Nutzt die Sachen lieber sofort, sonst macht es ein anderer.

    Meine 2 Brüder und ich sind in finanzieller Hinsicht noch mal ganz anders. Der eine hat einen Nebenjob, um sich gerade so seine vielen Unternehmungen leisten zu können. Der andere arbeitet sehr an seiner Einnahmenseite, sodass er sein Geld gar nicht ausgeben kann. Ich bin eher das Mittelding: Einkommensseite ist zweitrangig, dafür habe ich keine wirklich großen Ausgaben.

    Die gleichen Eltern und doch unterschiedliche Einstellung zum Geld. Wobei da die Partner auch einen gewissen Einfluss ausüben.

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