Mögliches Erbe in die Rente einbeziehen?

Darf man ein mögliches Erbe mit in die eigene Altersvorsorge einberechnen? Diese Frage taucht immer wieder mal in meinen Coachings auf und ich spreche mich in der Regel nach einem kleinen Faktencheck bedingt dafür aus. Neulich war Iris im Coaching und ich stelle ihren Fall mal beispielhaft hier vor (Name und ein paar andere Angaben habe ich geändert):

Iris und ihre Altersvorsorge

Iris ist 33 Jahre alt, hat 3 Kinder und ist verheiratet. Sie kommt ins Coaching, weil sie die Familienfinanzen sortieren will und natürlich, weil sie bisher beide noch wenig für die Altersvorsorge tun und das Studium der noch sehr kleinen Kinder auch im Blick ist.  Wir errechnen gemeinsam eine Rentenlücke der beiden von 1.500 €. Sie ist schockiert, als wir ausrechnen, dass sie etwa 800 € im Monat sparen muss, um diese Rentenlücke zu schließen. Zumal da vorher ja auch noch das Studium der Kinder finanziert sein will.

Diese Gedanken und Berechnungen teilt sie zwischen zwei Coachings auch ihrer Mutter mit, die ganz entspannt sagt, mach Dir mal keine Sorgen, für Euch – sie hat noch eine Schwester – ist gesorgt. Iris weigert sich, im Folgecoaching genauer auf ein mögliches Erbe zu schauen. Ich frage nach, was das Problem ist. Der Tod. Und das kalkulieren mit dem Tod. Mit dem Erbe rechnen, heißt auch den Tod der Eltern miteinzukalkulieren. Und das ist schwer. Wir denken nicht gerne über den Tod nach. Schon gar nicht berechnend, nach dem Motto, Euer Tod löst meine Rentenprobleme. Trotzdem habe ich mich in dem Coaching stark gemacht für einen genaueren Blick. Und das möchte ich mit diesem Beitrag auch tun. Denn es hilft ja nichts, der Tod steht unweigerlich am Ende des Lebens. In ihrem Fall sind die Eltern aktuell knapp unter 70. Geben wir ihnen großzügig noch weitere 30 Jahre, dann sind sie weit über 90. Wer sich gar nicht trennen will, der rechnet noch 5 Jahre drauf. Und freundet sich dann mit dem Gedanken an, dass der Abschied leider zum Leben dazugehört. Und eben irgendwann kommt. Vielleicht auch früher, aber das ist jetzt hier nicht das Thema. Ich freue mich auch, wenn meine Eltern ein möglichst langes Leben noch vor sich haben. Aber ich finde es eher naiv, davon auszugehen, dass dieses Leben ewig ist. Um nicht zu sagen, meine Eltern erfahren mehr Liebe und Wertschätzung von mir, wenn ich mir immer wieder bewusst mache, dass das Leben für uns alle und besonders für sie (weil sie älter sind, pure Statistik) endlich ist. Nachdem wir also diese emotionale Hürde des Todes überwunden haben, können wir uns das anstehende mögliche Erbe anschauen:

Bestimmte Erbschaften lassen sich nicht verheimlichen. Das sind meistens Immobilien, manchmal auch Unternehmen. In unserem Fall ist es das Elternhaus, was Iris auf etwa 850.000 € Verkaufswert schätzt. Konservativ, das ist mir auch wichtig, wir wollen ja keine Traumschlösser bauen. Oder Traumrenten. Der zweite Blick auf Konten und Depots sowie andere Vermögenswerte ist schwieriger. Ihre Eltern lassen sich nicht so ganz in die Karten schauen, zumindest nicht auf den ersten Blick. Ich schicke sie wieder zwischen zwei Coachings los, mit der Mutter nochmals zu reden. Immerhin hat diese ja gesagt, man solle sich keine Sorgen machen. Dabei möchte ich keine genauen Vermögensbeträge wissen, sondern empfehle, einfach mal ein paar Hausnummern in den Raum zu werfen und Reaktionen auszutesten. Das tut sie und damit kann auch ihre Mutter (die die Finanzen der Familie regelt) gut umgehen. Sie kommt ins nächste Coaching mit einer Hausnummer von etwa 300.000 € bis 400.000 € in Tagesgeld und Aktien.  Außerdem habe ich die Tochter gebeten, mal zu fragen, ob es eine Vorsorge in Sachen Pflege gibt. Ihre Eltern erweisen sich als vorbildlich: Für den Pflegefall haben sie Zusatzversicherungen, die die Kosten abdecken sollten.

Iris staunt. Bisher hatte sie nicht im Blick, dass sie einst Vermögen erben würde. Motiviert hat sie auch ihren Mann angehalten, zu schauen, was bei ihm als Erbe ankommt. Er ist Einzelkind, seine Eltern haben aber auch nicht viel, außer die Eigentumswohnung, die sie bewohnen. Er schätzt den Verkaufswert auf etwa 100.000 €, da sie nicht besonders zentral leben.

Das Coaching wandelt sich. Bisher habe ich gedacht, wir müssten an einem Haushaltsplan arbeiten und Sparmaßnahmen einführen, bis es knirscht. Für mich waren die Informationen zum Coachingbeginn, eine Rentenlücke zu schließen und für drei Kinder vorzusorgen, damit diese studieren können. Bei einem Gesamteinkommen von 5.000 € hieß dies mindestens 1.000 € im Monat sparen, eher mehr. Bisher hat die Familie nichts gespart und die Kosten waren etwa gleich hoch, wie das Einkommen. Also durchaus ein ambitioniertes Unterfangen. Nun entspannt sich die Lage und wir müssen eher bearbeiten, was es emotional heißt, sich auf ein Erbe zu verlassen und es damit auch nicht selber zu schaffen. Denn emotional ist es für viele Menschen nicht einfach, ein Erbe auch wirklich anzunehmen. Wir wachsen auf mit dem Gedanken, dass wir es irgendwann alleine schaffen. Das wir es allen zeigen. Nach dem Studium (besonders wenn es noch von den Eltern finanziert wurde) ist es uns total wichtig, zu zeigen, dass wir jetzt endlich erwachsen sind. Dieses Erwachsen sein macht sich auch am Geldbeutel fest. An der Fähigkeit unser Leben selbst zu finanzieren. Vielleicht sogar mit ein bisschen Status zu zeigen, dass wir es geschafft haben. Und dann kommt die Altersvorsorge und die schaffen wir nicht, sondern verlassen uns auf das Erbe. Was für Looser. Das sind die Gedanken, die auch Iris formuliert und ich finde sie nachvollziehbar, aber auch irgendwie unrealistisch. Dabei will ich jetzt hier nicht auf das Thema kommen, ob Erbe gerecht oder ungerecht ist. Ein anderer Schauplatz. Sondern bei Iris und ihrer Familie bleiben. Sie erinnert sich an ein sparsames Leben zu Hause bei ihren Eltern. Oft hat sie andere Freundinnen beneidet, die teure Markenklamotten getragen haben. Sie musste sogar die Kleidung ihrer Schwester auftragen. Sie kann mir bejahen, dass sie für das heutige Vermögen ihrer Eltern schon auch als Kind einen gewissen Preis mit bezahlt hat. Jenseits davon, dass ihre Eltern Glück hatten und ihre Mutter eine der wenigen Frauen damals war, die selbst mindestens Teilzeit und oft auch ganztags gearbeitet hat. Nachdem wir uns das angeschaut haben, kann sie mehr verstehen, dass das anstehende Erbe schon auch von der gesamten Familie erschaffen wurde. Also auch von den Kindern, die auf viele Konsumgüter und die Zeit der Eltern verzichtet haben. Auch wenn die Entscheidung für diesen Lebensstil die Eltern gefällt haben, so kann sie jetzt doch mehr annehmen, dass sie die Früchte davon mit ernten darf. Zumal sie durchaus wieder etwas an ihre Kinder weitergeben will und dabei dann den Gedankengang, dass sie ihnen das Leben erleichtern kann, völlig normal und richtig findet.

Im nächsten Schritt wagen wir einen Blick in die Zukunft und schätzen die Wahrscheinlichkeit ab, dass die Eltern noch viel von ihrem Vermögen selbst ausgeben werden. Ich frage ins Blaue mal möglicherweise teure Positionen ab. Als erstes kommt mir Reisen, insbesondere die beliebten Rentnerkreuzfahrten. Iris verneint, ihre Eltern haben zwei Pudel und mit diesen wird immer nur im Auto vereist. Kreuzfahrten oder lange Flugreisen sind aktuell nicht denkbar, sie hält sie auch nach dem Tod der Tiere nicht für sehr wahrscheinlich. Zumal dann die Eltern auch schon um einiges älter sind. Teure Autos? Sind nicht das Ding der Eltern, wie auch alle anderen Konsumluxusdinge. Da bleiben sie sich wahrscheinlich auch weiterhin treu. Bleibt das Pflegerisiko, was abgesichert ist und natürlich bei den Aktien- und Immobilienwerten das Risiko einer negativen Wertentwicklung. Die haben wir aber auch, wenn Iris von ihrem normalen monatlichen Einkommen spart. Denn das würde sie auch genau in diese Werte investieren. Um wirklich auf Nummer Sicher zu gehen, berechnen wir nur 50% des Erbes in die Altersvorsorge mit ein.

Damit gestaltet sich die eigene Rechnung aber auch schon ganz anders. Bisher war der Plan, mit 800 € Sparrate auf ein Vermögen von etwa 600.000 € zu kommen, mit dem dann die Rentenlücke im Alter gut gedeckt werden kann. Nun ziehen wir das Erbe ab. Wie gesagt, nur 50% – aber das macht auch noch ein zu erwartendes Erbe von 350.000 €. Damit wird wieder Luft frei. Luft, um nochmal das Studium der Kinder in den Blick zu nehmen und erstmal für dieses zu sparen. Um dann in der etwas älteren Phase um die 50 den kleinen Turbo für die Rente anzustellen. 400 € für das Studium zu sparen, das erscheint motivierend und dürfte alle drei Kinder im Studium ausreichend bezuschussen. Sie findet es auch nicht schlimm, wenn diese zwischendurch schon auch mal jobben müssen, im Gegenteil. Wenn das Geld für das Studium auf der hohen Kante ist, dann kann sie zwischen 50 und 67 nochmal nur für sich und ihren Mann sparen. Wenn sie in diesem Zeitraum (die Kinder sind jetzt mit all ihren Kosten aus dem Haus) 800 € sparen, dann haben sie die kleinere Rentenlücke wieder aufgefüllt.

Ich bin nun gespannt, wie ihr das seht. Kann man ein Erbe mit in die eigene Altersvorsorge einberechnen? Oder darf man damit erst rechnen, wenn der Todesfall eingetreten und das Erbe auf dem Konto ist? Spannend ist dies sicherlich auch für die mitlesenden Erblasser. Noch bin ich zu jung, um meine reizenden nicht volljährigen Erben darüber zu informieren, dass ich sie gedenke mit einem Erbe zu bedenken. Wenn ich mir jetzt aber vorstelle, sie sind 33, haben 3 reizende Kinder (die mich immer mal besuchen und mir riesengroße Freude machen) und kämpfen hart, um alles unter einen Hut zu bekommen, ja dann würde ich ihnen auch gerne die Gewissheit geben, dass ich da mit vorgesorgt habe. Einfach weil ich mein Vermögen eh nicht mitnehmen kann. Und weil ich mich riesig freue, wenn es meinen Lieben gut geht. Mit mir und nach mir. Wie siehst Du das?

8 Kommentare

  1. Ist ein Tabu-Thema, ohne Frage …
    Vgl Diskussion hier: https://finanzglueck.de/freitagsfrage-angelika-investieren/#comment-7696

    Ich finde schon, dass vorhandenes (Eltern)Familienvermoegen in die eigene AV einberechnet werden sollte/darf.

    Allerdings kollidiert es mit dem sehr wichtigen Selbstaendigwerden/Losloesungsprozess der Beschenkten in spe.

    Vielleicht hilft die Haltung bei den Erben: „Ueberlege nicht, was deine Eltern fuer dich tun koennten, ueberlege was du fuer deine Eltern tun kannst“

    Jedenfalls wuensch‘ ich mir das von unseren Kindern, dann vererbe ich auch gerne 😉

    • Hallo Jörg,
      ja, ich glaube, wir wünschen uns alle, dass wir im Alter versorgt, geliebt und geachtet werden. Also die Nachfahren uns nicht nur als reiche Erbtante oder Erbonkel bzw. im direkten Fall als zu erbende Kinder sehen, sondern als Menschen, die sich kümmern. Dennoch bin ich nicht sicher, ob ich dies zu irgendeiner Bedingung machen würde. Das würde sich anfühlen, wie Liebe kaufen. Dann würde ich wahrscheinlich einen Teil des Geldes lieber in professionelle Betreuung anlegen. Viele Grüße Gisela

  2. Liebe Gisela, diese Frage stelle ich mir auch immer wieder.

    Ich bin in einer ähnlichen Situation wie Iris. Meine Mutter ist allerdings bereits Pflegefall und es gibt keine zusätzliche Pflegeversicherung. Nun halten meine Eltern krampfhaft an ihrem Leben in ihrem Häuschen fest u.a. weil sie uns drei Töchtern etwas vererben wollen.

    Glücklich ist, wessen Eltern da vorgesorgt haben und wer selber vorsorgt. Werde gleich mal das Thema Zusatz-Pflegeversicherung recherchieren. 😉

    • Liebe Katja,

      und können Deine Eltern die Pflege Deiner Mutter ohne zusätzliche Pflegeversicherung finanzieren? Oder wird das Haus immer mehr mit Schulden belastet?

      Ja, ich weiß, die Frage ist nicht einfach. Deshalb habe ich den Text dazu geschrieben. Viele Grüße Gisela

  3. Liebe Gisela,
    ein wichtiges Thema. Du hast das ja alles im Coaching vorbildlich auf gearbeitet. Es ist wie immer eine Einzelfall Entscheidung. Grundsätzlich würde ich ein Erbe erst einmal nicht einrechnen in die eigene Altersvorsorge. Denn ein Erbe kann auch schnell weg sein. Immobilien können abbrennen und die Versicherungen nur Bruchwerte zahlen z.B. oder sie so abgewohnt sein, dass die Immobilien wieder zu Verbindlichkeiten werden.

    Und manchmal geht das Erbe auch bis auf den Pflichtteil an nur ein Kind oder einen neuen Partner oder oder. Auch dann wird es eng.

    Auf etwas zu spekulieren, dass einem nicht gehört, finde ich, du merkst das, nicht empfehlenswert.

    Ich würde hier immer ganz penibel und sehr vorsichtig ein mögliches Erbe mit einbeziehen. Und tendenziell mich immer selbst versuchen unabhängig mit dem eigenen Geld und der eigenen Altersvorsorge zu machen.

    Beste Grüße
    Dani

  4. Sehe ich genauso wie Dani.
    Man kann es zwar einrechnen, aber darauf verlassen kann man sich nicht.

    Hier war es z.B. so, dass ein naher Verwandter, verheiratet, ohne Kinder, sich mit fast 60 Jahren von seiner Frau getrennt hat. Das ganz nette Vermögen der beiden wurde so schon mal durch 2 geteilt und die eine Hälfte war für mich damit schon außer Reichweite.
    Ein Jahr später hat derjenige eine neue, jüngere Frau kennengelernt. Kurze Zeit später wurde geheiratet. Die Frau brachte 2 fast erwachsene Kinder mit in die Ehe.

    So, wenn derjenige jetzt irgendwann abtritt, kommt die neue Frau an erster Stelle. Danach deren Kinder.
    Konnte ich vor 10 Jahren noch irgendwie damit rechnen, als einziger jüngerer Verwandter alles irgendwann zu erben, werde ich jetzt garantiert nichts mehr davon sehen.

  5. Hallo Gisela,

    Vielleicht nehme ich – zum Befeuern der Diskussion – einmal die Gegenposition ein: Eine mögliche Erbschaft sollte man nicht in die Vermögensplanung einbeziehen. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen:
    1) Die lieben Verwandten könnten einfach jemand anderen beerben, ja das soll vorkommen 😉
    2) Pflegebedarf kann das Vermögen aufzehren
    3) Änderungen im Steuerrecht können signifikante Einbußen mit sich bringen
    4) Wenn der eingeplante Tod dann doch nicht so schnell eintritt, könnte das zu Frustration führen.

    Viele Grüße
    MFF

  6. Es ist, wie schon von den Vorrednern dargestellt, gewagt sich auf ein mögliches Erbe zu verlassen und dieses fest mit einzuplanen. Es kommt natürlich darauf an, in welcher Höhe Vermögen bei den Eltern vorhanden ist und auch, in welchem Verhältnis man zu diesen steht. Auch, in welchem Alter die Eltern sich befinden, wenn man den eigenen Rentenbedarf berechnet, ist von Bedeutung.

    Seit 2008 aber ist bekannt, wie schnell ein prallgefülltes Depot an Wert verlieren kann. Die Immobilienpreise in Ballungsräumen steigen zwar stetig, aber befindet sich das Familienhaus in der Provinz, hört man auch davon, dass diese sich ggf. nicht so gut verkaufen lassen, wie man sich das erhofft hat.

    Mir scheint es sinnvoll und sicherer zu sein zu versuchen selbst vorzusorgen und nicht mit einem potentiellen Erbe konkret zu rechnen. „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott“ – oder auch mal die Erbtante. Ein mögliches Erben als schönes Zubrot sehen, das schein mir sinnvoll.

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